Islam Alijaj · SP
Wir Menschen mit Behinderungen haben die Schnauze voll, die Schnauze voll von einem ganz bestimmten Gedankengut. Vor zwei Wochen sagte ein kantonaler Parteipräsident in einem Podcast, wir hätten im Leben halt ein bisschen Pech gehabt, und wer Barrierefreiheit fordere, drücke auf die Tränendrüse. Seine Partei hat sich inzwischen distanziert, immerhin. Welche Partei es war, spielt dabei keine Rolle, denn dieses Gedankengut zieht sich durch die gesamte Gesellschaft, und - seien wir ehrlich - auch durch diesen Saal. Behinderung sei Pech, Privatsache, Einzelschicksal. Doch die 1,9 Millionen Menschen in diesem Land sind kein Einzelschicksal. Und die Schweiz macht es ihnen wirklich schwer: Es hat Treppen, wo es Rampen braucht, Züge, in die man nicht einsteigen kann, Websites, die man nicht nutzen kann.
Ich weiss, wovon ich rede. Seit meiner Geburt lebe ich mit einer Behinderung. Ich sitze im Rollstuhl, und man versteht mich nicht immer gut. Das System hat mir früh ein Etikett verpasst: Invalid - wertlos, auf Deutsch gesagt. Damit war mein Weg vorgezeichnet: Sonderschule, IV-Rente, Leben in einem Wohnheim bis zu meinem Tod. Das wollte ich nicht, und daher ging ich die Politik. Um in die Politik zu gehen, organisierte ich mir Assistenzen. Diese egalisierten meine Behinderung, und ich wurde gewählt. Heute sitze ich als erster Mensch mit einer Sprechbehinderung im Nationalrat. Ohne Assistenz wäre ich heute nicht hier. Stattdessen bin ich Unternehmer, Arbeitgeber, Politiker.
In dieser Debatte haben wir immer wieder gehört, Assistenz würde zu viel kosten. Das ist falsch. Nicht Assistenz ist teuer. Teuer ist die Ausgrenzung. Wir geben Milliarden für die IV aus. Gleichzeitig lehnen wir Massnahmen ab, die Menschen ein eigenes Einkommen ermöglichen. Wie soll diese Rechnung aufgehen? Ich habe mit euch Bürgerlichen nach Kompromissen gesucht, ich bin euch so weit entgegengekommen, dass ich sogar in den eigenen Reihen dafür kritisiert wurde. Ihr hingegen habt euch keinen einzigen Millimeter bewegt.
Wir können nicht über Kosten sprechen und gleichzeitig ignorieren, dass noch immer 150 000 Menschen mit Behinderungen in Heimen leben. Die allerwenigsten tun dies, weil sie es wollen. Sie leben dort, weil das Geld an die Institutionen geht, und nicht an die Menschen, die es brauchen. Wer selbstbestimmt wohnen will, findet kein Geld, keine hindernisfreie Wohnung, keine Assistenz. Also entscheidet der Staat, wo du lebst und wer dich pflegt. Letztlich entscheidet er sogar, wann du schlafen gehen musst. Das ist keine Fürsorge, das ist Bevormundung.
Die Initiantinnen und Initianten sind keine Dreamer, sie wollen nur selbstständig leben und selbst entscheiden - wie jeder andere Mensch in diesem Land auch. Dabei dürfen Sie eines nicht vergessen: Inklusion geht uns alle an. Über 90 Prozent aller Behinderungen werden im Laufe des Lebens erworben. Es braucht nur 3 Sekunden - ein Autounfall, ein Hirnschlag, ein Treppensturz -, und auch Sie sind invalid.
Ja, wir haben die Schnauze voll, aber wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Zeigen Sie heute, dass dieses Gedankengut nicht mehr zukunftsfähig ist. Sagen Sie Ja zur Inklusions-Initiative!