Dominique Bühler · GRÜNE

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Grosser Rat (BE)03.06.2024
Präsidentin. Sehr geehrter Herr abtretender Grossratspräsident, lieber Franco – vielen Dank für die Karotten, ausserdem! –; liebe (noch) zweite Vizepräsidentin Edith Siegenthaler, liebe Edith; sehr geehrte Vertretung aus der Regierung, liebe Evi als Vizepräsidentin natürlich und lieber Regierungsrat Christoph Neuhaus, lieber Christoph; chères et chers collègues du Grand Conseil, liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Grossen Rat; sehr geehrtes Team der Parlamentsdienste und der Staatskanzlei, liebe Übersetzerinnen und Übersetzer, liebe Protokollführerinnen und Protokollführer, sehr geehrte Medienschaffende, liebe Gäste auf der Tribüne und online und natürlich liebe Familien. Als Erstes möchte ich ganz herzlich für die Voten der Fraktionspräsidentinnen und -präsidenten und für das sehr erfreuliche Abstimmungsergebnis danken. Auch wenn es jedes Jahr einen solchen Turnus gibt, ist keine Wahl von vornherein gewonnen. Das wissen wir alle, und deshalb danke ich für das Vertrauen und für Ihre Unterstützung.

Ja, es ist eine steile Karriere, die ich hier angehe. Ich wurde in den Medien als Senkrechtstarterin bezeichnet. Je ne suis pas au Grand Conseil depuis longtemps et je suis peut-être un peu plus jeune que de coutume, mais je me mets à disposition comme présidente du Grand Conseil et respectivement la première citoyenne bernoise. Je suis consciente de la responsabilité qui m’incombe et, grâce à mon travail de parlementaire, j’apporte le bagage d’expériences qui convient à ce rôle.

An dieser Stelle möchte ich meinen ehemaligen Parlamentskolleginnen und -kollegen, dem Gemeinderat und auch der Verwaltung der Gemeinde Köniz von Herzen danken. Von Ihnen habe ich sehr viel gelernt, nachdem ich 2017 frisch ins Parlament gewählt wurde. Diese Erfahrung wird mich in diesem Jahr begleiten und gibt mir die nötige Erfahrung, um dieses Amt auszuüben.

Es ist mir eine grosse Ehre, die dritte Person aus Köniz zu sein und jetzt auch die erste Könizerin, die das Amt als Grossratspräsidentin ausüben darf. Die Gemeinde Köniz wird in meinen Augen immer ein bisschen überschaut, obwohl wir gemäss den Einwohnerzahlen die viertgrösste Gemeinde im Kanton Bern sind. Wir sind Stadt und Land zugleich. Nicht zu Unrecht werden wir auch als Mini-Kanton bezeichnet, und in Vielem nimmt die Gemeinde Köniz eine Vorreiterrolle für die Region ein. Die Gemeinde Köniz ist auch eine wunderschöne Ausflugsgemeinde, denn von der Aare bis zur Sense ist alles dabei. Und sogar der Berner Hausberg, der Gurten, liegt auf Könizer Gebiet.

Der Gemeinderat der Gemeinde Köniz hat sich mit viel Freude und Elan für mein Fest und auch für mein Präsidialjahr eingesetzt. Ich freue mich deshalb sehr, Sie alle am Donnerstag in der schönen Gemeinde Köniz zu meiner Feier willkommen zu heissen.

Ja, vielleicht ein bisschen revolutionär ist es schon, dass ich jetzt hier stehe: Grossratspräsidentinnen mit Anfang 40 gab es noch nicht so viele. Speziell ist es auch, weil ich als zweite Vizepräsidentin noch Mami werden durfte. Patrick Trees, der Generalsekretär des Grossen Rates, hat nach Bekanntgabe meiner Schwangerschaft gesagt: «Das bringen wir dann schon zum Fliegen.» Obwohl fliegen vielleicht nicht so ganz grün ist, waren dies die Worte, die ich damals unbedingt hören musste, denn damals war auch für mich klar: Es geht dann schon, es ist halt einfach anders.

An dieser Stelle möchte ich den Parlamentsdiensten unter der Leitung von Generalsekretär Patrick Trees danken. Die Parlamentsdienste sind ein wichtiger Teil des Ratsbetriebs. Ihr seid flexibel, unterstützend, organisiert, und manchmal ... Ja, manchmal gibt es sogar psychologische Beratung oder Betreuung von euch. Ich schaue zuversichtlich auf das Jahr mit euch an meiner Seite.

Ich finde, meine Wahl setzt ein Zeichen. Die Welt ist im Wandel, und auch der Grosse Rat nimmt an diesem Wandel teil. Er ist jünger und weiblicher, er wählt auch jüngere Frauen ins Präsidium, was mich natürlich sehr freut. Wir sind aber auch technologisch fortschrittlich unterwegs. Unsere digitale Abstimmungsanlage ist bereits seit den 90er-Jahren in Betrieb. Seit dieser Legislatur sind wir komplett papierlos unterwegs. Unsere Protokolle werden mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) geschrieben, die sogar unsere vielfältigen Dialekte erlernt hat. Wir Ratsmitglieder können uns im Notfall auf Machine Learning verlassen, um unsere Reden mit Tools wie DeepL oder ChatGPT blitzschnell zu übersetzen oder zu verbessern. Und auch bei den Vorstössen richten wir den Blick in die mögliche Zukunft, ob mit KI oder vielleicht sogar Bitcoin.

Ja, unsere Politik ist stark geprägt von Traditionen und Beständigkeit, aber Offenheit, Veränderung, Anpassungsfähigkeit und Wandel spielen eine wichtige Rolle. Sinnbild dafür ist für mich als Biologin natürlich ein Biotop, denn innerhalb eines Biotops wohnen ganz viele unterschiedliche Tiere und Pflanzen mit sehr unterschiedlichen Charakteren, wie auch wir Politikerinnen und Politiker unterschiedlich sind. Einige sind schlaue Räuber, andere verstecken sich und tauchen unerwartet wieder auf, die einen übertrumpfen mit ihrer lauten Stimme, die anderen nehmen Rücksicht oder sind vielleicht sogar unscheinbar und blühen nur unter den richtigen Bedingungen. Einige tarnen sich und entpuppen sich dann doch als Gefahr oder Gegner oder sie sind sprunghaft und nicht fassbar.

Aber alle – alle – müssen miteinander interagieren, um zu koexistieren, damit das Biotop auf Veränderungen reagieren kann. Auch wir Politikerinnen und Politiker müssen manchmal ungewohnte Verbindungen eingehen, um unsere Ziele zu erreichen oder uns an neue Ausgangslagen anzupassen, z. B. an gesellschaftliche Veränderungen, wirtschaftliche Verschiebungen, technologische Fortschritte und globale Ereignisse, wie wir dies leider auch jetzt mit unterschiedlichen internationalen Konflikten und Krisen wieder miterleben müssen.

Das Biotop wie auch die Politik benötigen ein gewisses Mass an Gleichgewicht und Stabilität, um effektiv funktionieren zu können, sonst kommt es zu einem Totalkollaps. Und dafür braucht es uns alle. Ich bin überzeugt, dass unser Weg, wie wir die Demokratie vor allem im Kanton Bern, aber auch in der ganzen Schweiz leben, richtig ist. Unsere verschiedenen Meinungen und Einstellungen sind nötig, damit wir zu guten Lösungen kommen. Ja, und manchmal wird es halt laut hier im Ratssaal, aber auch das gehört bis zu einem gewissen Mass zu unserer Demokratie. Tragen wir also Sorge zu unserem grossrätlichen Biotop und halten wir die Kommunikation untereinander weiterhin offen.

Und wenn ich schon von Biotop und Natur rede, richte ich natürlich gerne ein paar Worte an meine grünen Fraktionskolleginnen und -kollegen. Ganz herzlich möchte ich meiner Partei, den Grünen, danken. Eure unkomplizierte, offene und gesellige Art tut mir einfach gut und ist genau so, wie ich die Politik leben möchte. Eure Zielstrebigkeit, um Mehrheiten zu gewinnen, bewundere ich immer wieder. Merci für eure Unterstützung und auch für euer Vertrauen in meine Nomination.

Einen speziellen Dank möchte ich an meine Familie und meine Liebsten richten: an meinen Mann Simu, meine Tochter, die heute gerade in der Kita ist, meine Eltern, meine Schwester und ihre Familie, meine Schwiegereltern und natürlich an die weiteren Familienangehörigen sowie Freundinnen und Freunde. Dieses Jahr wird herausfordernd und anders, aber ich bin bemüht, dass ich die Zeit, die mir bleibt, für meine Familie und meine Liebsten aufwenden werde.

Der Philosoph und Autor Alain de Botton hat gesagt: Wenn an einem Ort im Leben etwas gut läuft, kann in einem anderen Teil des Lebens etwas schlecht laufen. Wie ich von mehreren Alt-Grossratspräsidentinnen und -präsidenten vorgewarnt wurde, läuft es in diesem Jahr eher schlecht bei der Ernährung. Ich habe zwar jetzt schon Karotten erhalten, vielleicht ist das gar kein schlechter Start ... Aber damit kann ich leben, denn meine Familie und meine Liebsten sind mir wichtiger als ein paar Kilo mehr auf der Waage. Danke vielmals an euch, dass ihr immer unterstützend für mich da seid.

Ein grosser Dank geht auch an den abtretenden Grossratspräsidenten Francesco Marco Rappa. Lieber Franco, du hast in deiner Amtsantrittsrede gesagt, du hoffst, dass du es uns recht machst. Und ich kann dir hier sagen: Ja, das hast du. Du hast in deinem Jahr mit Kopf und Herz geführt; das habe ich ganz klar gespürt. Ich bewundere dein Durchsetzungsvermögen, dein blitzschnelles Denken und Handeln und deine persönliche Art. Obwohl du immer in vieles involviert bist – als Leiter deiner Firma, als Ehemann, als Familienvater, als Gemeinderat der Gemeinde Burgdorf, als OK-Präsident von Schwingfesten, als Biodiversitätsförderer in den Gärten und in etlichen anderen Tätigkeiten, die ich hier gar nicht alle listen kann –, hast du gegen aussen nie gestresst gewirkt und hattest immer einen frischen Auftritt. Ich habe mich immer wieder gewundert, wie du das eigentlich machst. Aber du bist halt ein Emmentaler mit sizilianischen und Oberländer Wurzeln und bist somit aus einem etwas anderen Holz geschnitzt als ich.

Ich habe natürlich ChatGPT gefragt, was für ein Holz das genau ist, und ich kann dir auch die Antwort geben: Es ist eine Mischung aus einer tief verwurzelten Eiche aus dem Emmental, einer witterungsbeständigen Lärche aus dem Oberland und einer süss duftenden Zagara – das ist das Holz eines Orangenbaums aus Sizilien. Das sind die stärksten und die besten Hölzer aus deinen jeweiligen Ursprungsregionen, und diese Mischung finde ich sehr passend für dich.

Du hast uns bei deinem Amtsantritt einen feinen «Grappa vom Rappa» geschenkt. Ich möchte dir natürlich auch etwas mit auf den Weg geben. In seiner französischen Bezeichnung wird Vieille Prune auch Eau-de-vie genannt, mit dem das Leben gefeiert wird. Damit dir unsere gemeinsame Zeit in Erinnerung bleibt, möchtet dir nachher gerne einen Vieille Prune überreichen. Ich habe keinen passenden Spruch wie «Grappa vom Rappa», aber der Vieille Prune wurde natürlich namensgerecht mit der Bühler-Zwetschge gemacht. Ich muss sagen: Die Bühler-Zwetschge ist eine ausgezeichnete Zwetschgen-Sorte. Sie ist robust, vielseitig einsetzbar und angenehm im Geschmack, hat aber ein bisschen Biss. (Heiterkeit / Hilarité) Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute und danke dir noch einmal für die tolle Zusammenarbeit in den letzten zwei Jahren. Schön, sehen wir uns nach wie vor hier im Rat.

Mein Dank geht auch an das ganze Präsidium, mit dem ich bis jetzt die Ehre gehabt hatte, zusammenzuarbeiten: Alt-Grossratspräsident Martin Schlup, lieber Tinu, merci auch dir für deine angenehme Art während deinem Jahr als Präsident. Wir haben zusammen debattiert und auch viel gelacht. Als ich zum ersten Mal oben auf dem Sitz sass und Mühe hatte – nicht Mühe mit den Kühen, aber Mühe mit der Technik –, warst du der Erste, der mir geholfen hat. Das schätze ich sehr an dir; auf dich kann man zählen. Auch dir wünsche ich weiterhin alles Gute hier im Rat.

Ein Merci auch noch an die zweite Vizepräsidentin, Edith Siegenthaler. Liebe Edith, du hast im letzten Jahr gezeigt, dass du eine erfahrene Politikerin bist, und hast mich tatkräftig unterstützt, wenn ich auf dem «Bock» sass. Danke auch dir für das konstruktive Jahr.

Zum Schluss möchte ich einen besonderen Dank an die Pionierinnen richten, die mir den Weg in der Politik geebnet haben: die Frauen, die in der Gemeinde Köniz gekämpft haben, damit das aktive und passive Frauenwahl- und -stimmrecht im Jahr 1969 noch vor dem Kanton Bern eingeführt wurde. Die Frauen, die den ersten Schritt hier im Grossen Rat wie auch im ganzen Kanton Bern gewagt haben und sich als Erste zur Wahl gestellt haben, haben gezeigt, dass sie es wollen und dass sie es können. Das war eine mutige Veränderung, aber auch eine Chance, und hat uns allen in der Politik und in der Bevölkerung gutgetan. Machen wir weiter so und haben wir den Mut, offen für Veränderungen zu sein.

Gerne richtig die letzten Worte an euch, werte Grossratskolleginnen und -kollegen. Ich werde mein Bestes geben, um dieses Amt zu eurer Zufriedenheit auszuüben, neutral zu bleiben und euch gleichzeitig den nötigen und erlaubten Spielraum zu geben, um fundierte Entscheide zu treffen. Und ja, ich werde streng sein: Das gehört zu dieser Aufgabe, und ihr seid somit alle vorgewarnt.

Mit diesen Worten nehme ich die Wahl als Grossratspräsidentin an und freue mich auf ein wirklich ganz spezielles Jahr mit euch allen. Merci vielmals.

Die Anwesenden erheben sich zum Applaus. / L’assemblée se lève pour applaudir.

Institution
Grosser Rat

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