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Michael Elsaesser · FDP

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Grosser Rat (BE)10.03.2026
Michael Elsaesser, Kirchberg (FDP), Fraktionssprecher. Wir reden heute über die Opferhilfe, aber worüber debattieren wir genau? Und warum ist diese Frage wichtig? Wir reden über eine Strategie und damit über einen Zeithorizont von rund zehn Jahren. Zentrales Merkmal einer Strategie ist es, dass sie einen langfristigen Handlungsrahmen bereitstellt, einen Handlungsrahmen, der uns in der Zukunft helfen soll, in ganz unterschiedlichen Situationen richtige und vor allem konsistente Entscheidungen zu treffen.

Alle unter uns, die z. B. schon einmal in ihrer eigenen Organisation eine Strategie entwickelt und formuliert haben, kennen die grössten Herausforderungen von Strategieprozessen, nämlich das Einhalten der richtigen Flughöhe. Sehr oft haben wir eine Art Rückenmark-Reflex, initial viel zu tief gehen zu wollen und statt strategischer Handlungsfelder oder Stossrichtungen einen umfassenden Katalog von Mikromassnahmen zu definieren. Genau in diesem Moment verliert eine Strategie ihren Wert als Handlungsrahmen für zukünftige Entscheidungen.

Was passiert dann? Wir bleiben quasi auf einem Berg von Massnahmen sitzen, der in fünf Jahren potenziell überhaupt nicht mehr zu der bis dahin veränderten Situation passt. Der Grosse Rat hat 2023 deutlich gemacht, dass ihm die erste Version der Opferhilfestrategie in einzelnen Punkten zu eng gefasst war. Die heute vorliegende Version hat diese Rückmeldungen bzw. die Teilrückweisungsanträge ernst genommen und stellt die kantonale Opferhilfe breiter, klarer und wirksamer auf. Die vorliegende Strategie setzt weiterhin einen klaren Fokus auf häusliche Gewalt, was sachlich absolut begründet ist.

Häusliche Gewalt ist eine der häufigsten Gewaltformen im Kanton Bern. Sie passiert im sozialen Nahfeld. Sie wiederholt sich oft und hat gravierende Folgen, nicht nur für die direkt betroffenen Personen, sondern auch für Kinder und das weitere Umfeld. Gleichzeitig trägt die neue Strategie der berechtigten Kritik Rechnung, dass Opferhilfe nicht einseitig sein darf. Sie richtet sich an Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, ältere Menschen und Personen mit besonderen Schutzbedürfnissen.

Die FDP begrüsst den klaren Fokus der Strategie bei einem gleichzeitig breiten Opferverständnis. Das heisst, es werden Ressourcen dort konzentriert, wo der Bedarf hoch ist, ohne dabei aber andere Betroffene auszublenden. Apropos Ressourcen: Die Opferhilfe ist im Kanton Bern historisch gewachsen. Das hat viele Stärken, bringt aber auch komplexe Strukturen mit sich. Und genau hier setzt die Strategie ebenfalls an. Strukturvereinfachungen und eine bessere Koordination sollen Ressourcen freispielen, die heute in Overheadkosten gebunden sind.

Die GSI hat sich klar zum Thema Kostenneutralität geäussert. Kostenneutralität bedeutet nicht sparen, sondern die Umverteilung der freien Mittel für den zielorientierten Einsatz zugunsten der Opfer. Diesen Ansatz können wir von der FDP absolut unterstützen.

Ich komme zurück auf meine einleitenden Worte zum Sinn und Zweck einer Strategie. Für uns hat die vorliegende Version der Opferhilfestrategie die richtige Flughöhe bzw. den richtigen Detaillierungsgrad. Sie steckt das Feld der Opferhilfe umfassend und klar ab und dient damit als passender langfristiger Handlungsrahmen für zukünftige Entscheidungen. Die FDP wird den Gesamtbericht einstimmig genehmigen. Danke vielmals.

Institution
Grosser Rat

Data: OpenParlData · CC BY 4.0