Hans-Peter Kohler · FDP

de
Grosser Rat (BE)29.11.2022
Hans-Peter Kohler, Spiegel b. Bern (FDP), Motionär. Seit Jahren hören und lesen wir vom Lehrermangel. In den letzten Monaten, es Ihnen sicher aufgefallen, haben diese Beiträge in allen Tageszeitungen in der ganzen Schweiz zugenommen: Die Belastung der Lehrfachpersonen sei gross, Vollpensen erschienen aufgrund der Belastung schier unmöglich, man brenne aus, man steige früher aus dem Beruf aus. Oft ist ja die Antwort gekommen, es sei der Lohn, aber immer mehr hat man gehört, dass es wohl noch etwas Wichtigeres gibt als den Lohn.

Hier einige Beispiele, die man der Presse entnehmen konnte, die mir aber auch Lehrerfachpersonen selber gesagt haben: Die Klassen sind zu heterogen, verhaltensauffällige Kinder stören die Klasse, die integrative Bildung habe versagt, die Klassen seien unruhig, kaum mehr führbar, man habe keine Zeit mehr für die pädagogischen Kernaufgaben, der Unterricht sei zu ideologisch geprägt, im Sinn: Integration um jeden Preis. Die FDP-Fraktion ist klar der Meinung, dass man diese Hilferufe der Basis jetzt einfach einmal wahrnehmen muss und nicht immer abredet und sagt: Es ist ja alles gut.

Es braucht ein Umdenken. Ideologisch geprägte Haltungen, z. B. von Schulleitungen, von Schulkommissionen, aber auch von der Pädagogischen Hochschule (PH), müssen hinterfragt werden. An den Studierenden der PH wird die Ideologie ja direkt schon auf den Berufsweg mitgeben. Es gibt auch einen Forschungsschwerpunkt, mit Professorin, der Leiterin des Schwerpunktprogramms «Inklusive Bildung» – Sie können sich vorstellen, ob sie für oder gegen die Integration ist. Die Grossrätinnen und Grossräte haben im Oktober eine Einladung zum Thema vom Verein Volksschule ohne Selektion erhalten, wo die Professorin als Referentin aufgetreten ist.

Zu lange traute man sich nicht, zu sagen, worum es eigentlich jetzt mehrheitlich geht. Die Grenzen der integrativen Schulbildung sind längstens überschritten. Kinder stören den Unterricht, die Niveaus sind zu unterschiedlich. Die individuelle Förderung der Kinder kann man gar nicht mehr gewährleisten. Lernwillige und Leistungsstarke, über diese müssen wir auch sprechen, kommen mit dem Stoff nicht mehr richtig vorwärts, man muss halt die ganze Klasse an einem tieferen Niveau anpassen.

Eine Mutter erzählte mir kürzlich, dass sie mit der Lehrerin gesprochen habe, die Tochter möchte gerne in die Sekundarschule, wenn man dort anfange, jetzt etwas mehr mit diesem Stoff vorwärtszumachen. Die Lehrerin hat gesagt, sie könne sich nicht um das kümmern, die Klasse sei zu unruhig, zu heterogen – das Einzige, was sie machen könne, sei, wenigstens ein gewisses Niveau erreichen. Das kann es ja nicht sein! Das gleiche Kind sollte dann jeweils den schwächeren Kindern helfen, während des Unterrichts die Aufgaben zu lösen. Ich weiss nicht, ob wir dies wirklich wollen.

Die Lehrerfachpersonen sollen wieder mit Leidenschaft und Begeisterung Wissen vermitteln können, und dafür müssen wir wieder ruhigere Klassen haben, homogenere Klassen. Mir ist bewusst, dass die Verfechter der integrativen Schulbildung immer sagen: Ja, dann verstärken wir doch die Betreuungsinfrastruktur. Noch mehr Heilpädagogen, noch mehr Sonderlektionen, das kann ja nicht die Lösung sein. Wir müssen etwas am System ändern. Und da braucht es einen ... – und diesen Koordinationsaufwand, den die Klassenlehrpersonen heute leisten müssen: Man kann es eben nicht mehr leisten, da brennt man aus.

Es braucht jetzt einfach Kantonspolitik. Was wollen Sie machen, wenn die Schulkommission oder Schulleitungen in einer Gemeinde einfach stur bleiben, ideologisch so weitermachen wollen? Da kann man nichts bewegen. Der Kanton ist deshalb gefragt, und dies möchten wir von der FDP: den Kanton auch in die Pflicht nehmen, der bis jetzt eigentlich diesen integrativen Weg immer sehr stark unterstützt hat.

Der Kanton soll sich federführend, frei von Ideologien, dieses Themas einmal annehmen. Ich gehe nicht mehr auf die einzelnen Forderungen des Vorstosses ein, sie sind klar beschrieben, ausser noch wegen den niedrigen Pensen. Auch dort gilt: Wir müssen das jetzt anpacken. Wir haben ja ein Anreizsystem verlangt, und da muss man schauen, wie man das gestalten kann. Ich halte vorläufig oder eigentlich fast hundertprozentig ... (Der Vizepräsident bittet den Redner, zum Schluss zu kommen. / Le vice-président demande à l’orateur de conclure.) ... in allen Punkten an der Motion fest, denn ein Richtlinienpostulat hat gar kein Fleisch mehr am Knochen, das bringt gar nichts. Ich freue mich auf die Diskussion, merci vielmals.

Institution
Grosser Rat

Data: OpenParlData · CC BY 4.0