Stärkere Sensibilisierung der Lehrpersonen für geschlechtsunabhängige Leistungseinschätzung
(24.5211)- SpeechClaudio Miozzari(Sozialdemokratische Partei)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Claudio Miozzari, Grossratspräsident: Der Anzug ist überwiesen mit 55 Ja-Stimmen, 36 Nein-Stimmen und keine Enthaltung.
- SpeechSpeechGrosser Rat
JA heisst Überweisen, NEIN heisst Nichtüberweisen.
Ergebnis der Abstimmung
55 Ja, 36 Nein, 0 Enthaltungen. [Abstimmung # 0005219, 11.12.24 21:18:56]
Der Grosse Rat beschliesst
den Anzug dem Regierungsrat zu überweisen - SpeechClaudio Miozzari(Sozialdemokratische Partei)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Claudio Miozzari, Grossratspräsident: Die Überweisung des Anzugs wird bestritten von Jenny Schweizer. Wir stimmen darüber ab.
- SpeechHeidi Mück(BastA!)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Heidi Mück (GAB): Die Studie, die ich in meinem Anzug erwähnt habe, ist einerseits brisant und andererseits nicht weiter erstaunlich. Als ich Unterschriften für diesen Vorstoss gesammelt habe, haben einige der Unterzeichnenden bestätigt, dass sie selbst auch solche Erfahrungen gemacht haben. Ihre mathematischen oder sprachlichen Fähigkeiten wurden unterschätzt, je nachdem welches Geschlecht sie hatten. Das hatte vielleicht nicht immer dramatische Auswirkungen auf die schulischen Leistungen der damals Betroffenen oder auf die weitere Karriere, aber die Verletzungen waren bei diesen Gesprächen, die ich geführt habe, tatsächlich immer noch spürbar.
Unbewusstes Übernehmen von tradierten Rollenmodellen durch Lehrpersonen hat einen Einfluss auf das Wohlergehen von Schülerinnen und Schülern. Für mich ist es deshalb eigentlich unbestritten, dass es eine stärkere Sensibilisierung der Lehrpersonen für geschlechtsunabhängige Leistungseinschätzungen braucht. Die Leistungseinschätzung ist ein anderes Thema, als es im Gleichstellungsplan erwähnt ist. Da geht es um den Unterricht, aber hier geht es konkret um die Leistungseinschätzung. Ich möchte damit auch nicht die Lehrpersonen kritisieren, wenn ich sage, sie müssen sensibilisiert werden. Ich denke auch uns allen tut Sensibilisierungsarbeit manchmal gut und das heisst ja nicht, dass wir schlechte Menschen sind.
Jetzt stellt sich aber die Frage, wie wird diese Sensibilisierung in den ohnehin schon sehr gefüllten Arbeitsalltag der Lehrpersonen integrieren können. Ich wollte auf keinen Fall ein zusätzliches freiwilliges oder auch obligatorisches Weiterbildungsmodul oder so etwas ähnliches vorschlagen. Ich erfahre nämlich von vielen Lehrpersonen, dass es einfach zu viele Aufgaben gib, die die Schule neben dem Bildungsauftrag noch leisten muss, also Gesundheitsförderung, Gewaltprävention, Suchtprävention, Umgang mit KI, Umgang mit Social Media und so weiter. Aber ich erfahre von den Lehrpersonen auch, dass es bei den Präsenzzeiten neben dem eigentlichen Unterricht, also während des Drei-Tage-Blocks, der Schulhauskonferenzen oder sonstiger Anlässe durchaus noch Raum für inhaltliche Schwerpunktsetzungen gibt.
Deshalb schlage ich mit diesem Anzug vor, dass die entsprechenden Sensibilisierungsarbeiten in diesen Gefässen stattfinden sollen. Hier kann es aber durchaus in regelmässigen Abständen und auch obligatorisch sein. Wir haben ja im November zahlreiche Vorstösse überwiesen im Bildungsbereich. Ich wusste ja, dass diese pendent sind. Ich habe auch bewusst das Mittel des Anzugs gewählt, weil ich nicht noch mehr Druck aufbauen wollte. Mich nimmt einfach die Haltung des ED dazu Wunder und auch die Ideen, die sie zu einer konkreten Ausgestaltung von solchen Sensibilisierungsmassnahmen haben. Ich bitte Sie auch deshalb, den Anzug zu überweisen.
- SpeechClaudio Miozzari(Sozialdemokratische Partei)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Claudio Miozzari, Grossratspräsident: Damit sind wie bei der Anzugstellerin Heidi Mück.
- SpeechBéla Bartha(Die Grünen)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Béla Bartha (GAB): Ich darf heute für das GAB und die SP sprechen.
Während der Anteil der Frauen an den Universitäten mittlerweile in vielen Bereichen den der Männer übertrifft, verharrt der Anteil Frauen zum Beispiel an der ETH seit Jahren bei 32 Prozent. Sehr interessant ist dabei, dass sich der Anteil, wenn dann bei den studierenden Frauen aus dem Ausland erhöht hat. Im Fach Life Science sind Frauen mit 46 Prozent sehr gut vertreten, während sie in den Fächern Technik und Informatik seit Jahren bei circa 15 Prozent steckenbleiben.
Spätestens seit dem Film Hidden Figures – unerkannte Heldinnen, die in der NASA angestellt waren, um die Flugbahnen der später ins all geschickten Apollo Raketen zu berechnen, wissen wir, dass es am Kopf nicht liegen kann. Daher müssen es andere Faktoren sein, die zu einem Missverhältnis führen.
Der Anzug von Heidi-Mück möchte einer möglichen Ursache auf den Grund gehen, indem sie eine Studie zitiert, die auf das Phänomen eingeht, dass Mädchen von den Lehrpersonen in den MINT-Fächern eher unterschätzt und Buben eher überschätzt werden. In der Studie wird darüber hinaus aber auch festgestellt, dass die Forschungsgrundlagen zu den Auswirkungen voreingenommener Urteile und Erwartungen auf die Leistungen von Mädchen und Jungen eher spärlich sind. Sie sagt aber auch weiter, dass die wenigen vorhandenen Studien vor allem darauf hindeuten, dass voreingenommene Erwartungen der Lehrkräfte zu geschlechtsspezifischen Leistungsunterschieden beitragen können.
Es ist daher sehr sinnvoll, dass man die Lehrer:innenschaft auf diesen Punkt hin sensibilisiert. Wichtig ist es aber auch, dass man die Entwicklung dann auch überprüft, ob die Massnahmen wirklich zu einer Veränderung der Anteile von Mädchen in den MINT-Fächern führen oder eben nicht. Wäre dem so, dann wäre der Gewinn für die Mädchen aber auch für die Gesellschaft gross, da gerade in diesen Berufsgattungen Arbeitskräfte gebraucht werden und daher dieser Anzug auch positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben könnte.
Das GAB und die SP empfehlen Ihnen daher, diesen Anzug zu überweisen.
- SpeechClaudio Miozzari(Sozialdemokratische Partei)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Claudio Miozzari, Grossratspräsident: Nächster Sprecher ist Béla Bartha.
- SpeechCatherine Alioth(Liberal-Demokratische Partei)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Catherine Alioth (LDP): Der Vorstoss nimmt ein berechtigtes Anliegen auf. Wir sind auch der Meinung, dass jede schulische Beurteilung unvoreingenommen und neutral erfolgen soll. Ich möchte hier aber auf den Gleichstellungsplan 2024 bis 2027 hinweisen, den die Regierung im Mai dieses Jahres vorgestellt hat. Im Handlungsfeld Bildung, Sport und Gesundheit stehen folgende Ziele im Vordergrund: Das eine Ziel ist Diskriminierung in der Bildung abbauen und gendersensiblen Unterricht fördern. Das zweite ist Berufswahl ohne Geschlechterstereotype fördern.
Nach meiner Auffassung fällt das Anliegen dieses Vorstosses direkt in den Kontext der Umsetzung dieser wichtigen Ziele. Der Umsetzungsprozess wird von der Fachstelle Gleichstellung koordiniert und ein Abschlussbericht wird im Jahr 2027 vorliegen.
Dann möchte ich auch erwähnen, dass die Schulstandorte die Möglichkeit haben, im Rahmen ihrer Teilautonomie selbst zu entscheiden, ob sie schulhausinterne Weiterbildungs- und Sensibilisierungsmassnahmen implementieren möchten.
Also lassen wir die Fachstelle Gleichstellung ihre Massnahmen zur erfolgreichen Umsetzung erarbeiten und verzichten wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf ähnliche Forderungen. In diesem Sinne bitte ich Sie, diesen Anzug nicht zu überweisen.
- SpeechClaudio Miozzari(Sozialdemokratische Partei)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Claudio Miozzari, Grossratspräsident: Damit geht das Wort an Catherine Alioth.
- SpeechJenny Schweizer(Schweizerische Volkspartei)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Jenny Schweizer (SVP): Ich bitte Sie, den Anzug nicht an die Regierung zu überweisen. Es ist ja immer wieder erstaunlich, wie von linker Seite die Lehrpersonen mit einem Rundumschlag schlecht gemacht werden. Ich erinnere Sie zum Beispiel an den hängigen Vorstoss von unserem Grossratspräsidenten, der unter anderem fordert, dass die Lehrpersonen geschult werden müssen, da es von ihrer Seite zu Diskriminierungsfällen und Ausgrenzungen kommt. Er spricht in seinem Vorstoss sogar von psychischer und seelischer Gewalt und Mobbing. Dann hatten wir zwei Petitionen. Die eine fordert eine diskriminierungsfreie Schule, die andere ist gegen Diskriminierung aufgrund von Aussehen, Geschlecht und so weiter an Schulen. Und nun kommt Heidi Mück und erklärt uns, dass die Lehrpersonen stigmatisieren.
Ich frage mich schon, ob solche Rundumschläge bezüglich den Lehrpersonen angebracht sind. Ich glaube nicht, und daher komme ich auch zur Schlussfolgerung, dass es sich eben nicht um Massen von Lehrpersonen handelt, die hier so schlecht dargestellt werden. Es sind sicherlich einzelne darunter, und diesen muss entgegengetreten werden. Aber deswegen brauchen nicht alle 3’500 Lehrpersonen während des Drei-Tage-Blocks Vorträgen über Stigmatisierungen zu lauschen und es müssen auch nicht alle Lehrpersonen an ihren Standorten deswegen obligatorische Weiterbildungen zu diesem Thema über einen gewissen Zeitraum besuchen. Es ist wichtig, und da gebe ich Heidi Mück absolut recht, dass eine Stigmatisierung nicht stattfinden darf, aber es kann doch erwartet werden, dass die jeweiligen Schulleitungen angewiesen sind, Massnahmen gegen die renitenten Lehrpersonen zu ergreifen, sei es durch Schulung, Sensibilisierung oder auch Abmahnungen. Denn was ganz sicher gewährleistet sein muss, ist, dass die Schulleitungen solche Gebaren nicht dulden. Aber der Anzug zielt nicht dahingehend ab und daher bitte ich Sie, den Anzug nicht zu überweisen.
- SpeechClaudio Miozzari(Sozialdemokratische Partei)Mitglied des Grossen RatesGrosser Rat
Claudio Miozzari, Grossratspräsident: Der Regierungsrat ist bereit, den Anzug entgegenzunehmen. Dies wird bestritten von Jenny Schweizer.
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