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Manuel C. Widmer · GRÜNE

de
Grosser Rat (BE)03.06.2026
Manuel C. Widmer, Bern (GRÜNE), Motionär. Zuerst möchte ich dem Regierungsrat ausdrücklich danken. Danken dafür, dass er die grundsätzliche Stossrichtung dieser Motion unterstützt, dafür, dass er anerkennt, dass Femizide sichtbar gemacht werden müssen, und dafür, dass er dieses Thema mit der nötigen Ernsthaftigkeit angegangen ist.

Das ist wichtig. Denn hinter diesem Vorstoss stehen nicht abstrakte Zahlen. Hinter jedem einzelnen Femizid steht ein Mensch, eine Frau, eine Tochter, eine Schwester, eine Freundin, ein Leben, das gewaltsam beendet, das gewaltsam genommen wurde.

Wir sprechen hier nicht von Einzelfällen. Die Entwicklung in der Schweiz ist alarmierend. Das Rechercheprojekt «Stopp Femizid» hat für das Jahr 2025 mindestens 27 Femizide dokumentiert, so viel wie noch nie zuvor in der Schweiz. Und auch das laufende Jahr 2026 zeigt, dass diese Gewalt nicht abnimmt: Bis Ende April wurden erneut mindestens 9 Femizide dokumentiert, es wurden 9 Frauen und Mädchen getötet. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein zerstörtes Leben. Darüber darf man nicht schweigen.

Wenn Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind, wenn Gewalt aus Kontrollwahn, aus Besitzdenken und Machtansprüchen entsteht, dann ist es nicht einfach ein privates Drama, dann ist es ein gesellschaftliches Problem. Genau deshalb ist Sichtbarkeit so wichtig und entscheidend.

Selbstverständlich verhindert ein zusätzlicher Eintrag in einer Kriminalstatistik keinen einzigen Mord. Das behauptet auch niemand. Aber gesellschaftliche Wahrnehmung beginnt häufig dort, wo Dinge beim Namen genannt werden. Was keinen Namen hat, bleibt unscharf. Was statistisch nicht sichtbar ist, verschwindet schnell aus dem öffentlichen Bewusstsein, und was verdrängt wird, wird politisch häufig zu spät ernst genommen.

Die klare Erfassung von Femiziden schafft deshalb nicht einfach Zahlen. Sie schafft Aufmerksamkeit, sie schafft Datengrundlagen, sie ermöglicht Vergleichbarkeit, und sie sensibilisiert Behörden, Politik, Medien und die Gesellschaft für ein Problem, das viel zu lange individualisiert und bagatellisiert wurde.

Ich verstehe den Hinweis des Regierungsrates, dass eine schweizweit einheitliche Definition sinnvoll ist. Ich möchte hier ausdrücklich festhalten: Auch mir ist an einer gesamtschweizerischen Lösung gelegen. Einheitliche Standards helfen der Qualität von statistischen Erhebungen und verhindern unterschiedliche Auslegungen zwischen den Kantonen.

Ich kann deshalb auch damit leben, wenn die eigentliche Umsetzung erst erfolgt, wenn der Bund und die Kantone eine gemeinsame Grundlage geschaffen haben. Aber das darf nicht bedeuten, dass wir bis dahin einfach nichts tun. Der Kanton soll die nötigen Vorbereitungsarbeiten leisten, damit sofort gearbeitet werden kann, sobald die nationale Basis steht, und die Prozesse vorbereitet, die Zuständigkeiten geklärt und die Grundlagen erarbeitet werden können.

Man soll nicht einfach erst dann beginnen zu handeln, wenn alles beschlossen ist. Denn während über Definitionen diskutiert wird, sterben Frauen. Deshalb ist das Signal dieses Rates heute wichtig. Der Kanton Bern kann und soll festhalten: Wir schauen hin, wir benennen das Problem, und wir nehmen geschlechtsspezifische Gewalt ernst.

Die Motion verlangt nichts Radikales, sie verlangt keine Symbolpolitik. Sie verlangt etwas sehr Grundsätzliches: dass wir Gewalt sichtbar machen, damit sie gesellschaftlich und politisch nicht länger übersehen werden kann. Deshalb bin ich auch überzeugt: Eine Ablehnung dieser Motion heute wäre ein ganz falsches Zeichen. Nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit, sondern vor allem auch gegenüber den Betroffenen, den Angehörigen und all den Menschen, die sich seit Jahren gegen geschlechtsspezifische Gewalt engagieren.

Ich bitte Sie deshalb, diese Motion deutlich anzunehmen und zu überweisen. Merci vielmals.

Institution
Grosser Rat

Data: OpenParlData · CC BY 4.0