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Bruno Vanoni · GRÜNE

de
Grosser Rat (BE)24.11.2025
Bruno Vanoni, Zollikofen (GRÜNE), Fraktionssprecher. Es ist jetzt schon so viel gegen die Annahme dieses Postulats gesagt worden – die Meinungen sind wohl gemacht. Ich möchte nicht mehr im Detail darauf eingehen, aber ich möchte noch einmal an den Anfang zurückgehen, und zwar an den Anfang der Antwort des Büros auf den Vorstoss, auf den ersten Satz. Dieser hat mich nämlich ein bisschen ins Grübeln gebracht, und zwar ins Grübeln in der Parlamentsgeschichte.

Der erste Satz lautet: «Die Mitglieder des Grossen Rates sitzen traditionsgemäss nach Fraktionen getrennt.» In der Debatte hat es zwar niemand so einfach gesagt, aber man konnte es heraushören: Es war doch schon immer so! Aber nein, es war eben nicht schon immer so, im Gegenteil: Es war die meiste Zeit anders, auch hier im Berner Rathaus, im Sitzungssaal des Grossen Rates. Hier tagte nämlich im ersten Jahrzehnt des Bundesstaates auch der Nationalrat, und der berühmte Friedrich Engels schrieb 1848 in einer deutschen Zeitung über die Sitzordnung im Berner Rathaus: «Jeder setzt sich, wohin er will, und wechselt den Platz oft drei- bis viermal in einer Sitzung.» Und ein anderer Journalist berichtete 1852 aus dem Berner Rathaus: «Hier gibt es der Form nach keine Linke, kein Zentrum, keine Rechte. Friedlich sitzen Konservative und Radikale, Ultramontane und Liberale nebeneinander.»

Sie können dies alles in der historischen Darstellung der Sitzordnung des Bundesparlaments nachlesen, die in einer Fussnote in der Büroantwort angegeben ist. Die Nationalräte sassen, auch wenn sie hier im Grossratssaal tagten, lange Zeit nicht nach Parteien getrennt, sondern nach Sprachen getrennt, und es gibt bis zum Beweis des Gegenteils keinen Grund zur Annahme, dass es im Grossen Rat während Jahrzehnten anders gewesen wäre.

In der erwähnten Schrift findet sich übrigens auch der Hinweis, dass es auch in der Zeit, in der sich die ersten Parlamente in der heutigen Form herausbildeten, keine festen Sitzplätze gab, im Gegenteil: Die Sitzordnung wurde damals ausgelost. Auf Bundesebene blieb die Sitzordnung während vieler Jahrzehnte durch die Sprachgruppen geprägt, nicht durch Parteiblöcke. Die heutige Regelung – Sitzordnung nach Fraktionen getrennt – wurde nach jahrzehntelangen Diskussionen erst 1995 beschlossen. Was wir hier also als «traditionsgemäss» bezeichnen, ist dort erst seit 30 Jahren so geregelt.

Weil Sie ja wohl keine Zeit hatten, den geschichtlichen Fussnotentext zu studieren, so wie ich, kann ich es mir nicht verkneifen, auch noch zu zitieren, was ein früherer Zürcher SVP-Nationalrat 1984 in seinem Buch «Erlebtes Parlament» geschrieben hat. Erwin Akeret schrieb darin gegen die Tendenz an, die Sitzordnung des Parlaments in festen Blöcken nach Parteien zu bilden. Er schrieb: «Eine Blockbildung würde die parlamentarische und kollektive Atmosphäre nicht verbessern, sondern eher zu einer grösseren Polarisierung führen. Menschliche Tuchfühlung und persönliches Gespräch sind Balsam nach dem parlamentarischen Kampf. Die Durchmischung der Fraktionen dient den gegenseitigen Kontakten, führt nicht zu geistiger Inzucht, löst auch humorvolle Kontroversen aus, steht im Dienst der Kollegialität und liegt ganz im Interesse des freien Mandats.» Schön formuliert, oder nicht? Und sicher ist es nicht ganz falsch.

Die grüne Fraktion stimmt deshalb diesem Postulat mit wenigen Enthaltungen grossmehrheitlich zu. Wir finden, es wäre den Versuch wert, mit einer Auslosung der Sitze den überparteilichen Dialog zu fördern, persönliche Kontakte im Sitzungsalltag anzuregen und die Kollegialität über die Parteigrenzen hinaus zu stärken, was wir ja ausserhalb der Sitzungen durchaus schon zu machen pflegen. Es wäre den Versuch wert, so einen Akzent zu setzen gegen Tendenzen, die an anderen Orten schon grassieren und hier leider ab und zu auch schon bemerkbar geworden sind. Mit einer ausgelosten Sitzverteilung könnte es menschlich schwieriger werden, Ratskolleginnen mit anderen Haltungen als Feind abzustempeln, unfair anzugreifen oder sogar als Menschen abzuwerten. Die Devise könnte nach der Sitzverteilung per Losentscheid lauten, bei allen politischen Differenzen und zwischenmenschlichen Unverträglichkeiten: Es gilt, einander auszuhalten statt herunterzumachen.

Mit der Zustimmung zum Postulat ... (Die Präsidentin bittet den Redner, zum Schluss zu kommen. / La présidente demande à l’orateur de conclure.) ... können wir auch ein Zeichen setzen, dass uns die angestrebte Klimaverbesserung hier in diesem Saal gerade auch im Hinblick auf den anlaufenden Grossratswahlkampf wichtig ist. (Die Präsidentin bittet den Redner erneut, zum Schluss zu kommen. / La présidente demande encore une fois à l’orateur de conclure.) Danke fürs Zuhören.

Institution
Grosser Rat

Data: OpenParlData · CC BY 4.0