Susanne Clauss · SP
Stellen Sie sich jetzt also vor, Sie oder Ihre Frau hat vor vier Tagen geboren – vor vier Tagen. Sie ist bereits seit zwei Nächten zu Hause. Das ist die Ausgangslage, die heute schon in vielen Fällen so ist, gerade wenn viel anfällt in den grossen Zentren, weil mittlerweile alles geschlossen ist, und das wird 2026 Usus sein. Kleine Rückblende: Vor 30 Jahren blieben die Frauen noch zehn Tage im Spital. Für viele, gerade auf dem Land, war das richtige Erholung. Sie waren dort betreut, sie mussten nicht wieder eingebettet werden in den Hof und Haushalt zum Arbeiten.
Es ist Samstagabend. Sie – oder Ihre Frau – bekommen Schüttelfrost und Fieber, und das ist nicht irgendwie ein Ausnahmefall, sondern das ist unsere tägliche Arbeit. Sie sind richtig Scheisse krank – Entschuldigung, richtig, richtig krank. Daneben haben Sie ein Neugeborenes, das ununterbrochen schreit, und Sie finden nirgends eine Hebamme, denn diese arbeitet noch von 8 bis 5 Uhr, und am Samstag und Sonntag macht sie auch frei und ist vielleicht in den schönen Bergen am Wandern oder am Skifahren, wie auch immer. Der Vater ist überfordert, den Hausarzt gibt es auch nicht mehr, und das nächste Spital mit Geburtshilfe ist etwa eine Stunde weit weg, denn diese sind auch geschlossen. Das ist nicht utopisch, meine sehr verehrten Damen und Herren, sondern das wird in naher Zukunft Realität sein.
Falls es tatsächlich utopisch bleibt, ist es den altruistischen Hebammen zu verdanken, die ganz viele Leistungen immer wieder kostenlos und gratis machen, einfach, weil sie sich den Frauen verpflichtet fühlen. «Kein Problem», denken Sie. Doch, denn die Mutterschaftsleistungen wären eigentlich gemäss Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) zu 100 Prozent kostenbefreit. Jetzt ist es aber so, dass wir diesen Frauen, damit wir wirklich rund um die Uhr für sie da sind, einen kleinen Betrag in Rechnung stellen. Das stösst ganz viele vor den Kopf. Es ist nicht verwunderlich, dass wir immer weniger Fachkräfte haben und dass sie diese Arbeit nicht mehr machen wollen. Es ist übrigens auch bei den Hebammen so, dass viele mittlerweile sagen: «Ich bin am Wochenende nicht abrufbar.»
Zurück zum Fieber: Es ist ein klassischer Milchstau mit Brustentzündung. Das Schlechteste, das man nämlich in einem solchen Fall machen kann, ist, ein Kind und eine Frau einzupacken und noch eine Stunde lang zu fahren. Es braucht Ruhe und es braucht vor allem professionelle Stillhilfe und Beratung durch eine Hebamme. Es versteht sich von selbst, dass die Hebamme in einer solchen Situation sofort kommt, und das ist so. Ich bin 20 oder 25 Jahre lang auch nachts und am Wochenende zu diesen Frauen gefahren und habe sie sofort betreut, ohne zu überlegen, wer mir das jetzt mit wie vielen Franken abgelten wird, denn das ist eine ganz akute Situation.
Aber es geht nicht nur um die Notfälle. Es geht auch darum, dass eine Frau heute verpflichtet ist, quasi schon in der Schwangerschaft eine Hebamme zu suchen. Sie kann nicht nach der Geburt anrufen und sagen: «Sorry, ich habe geboren, ich muss heute Abend nach Hause.» Dann findet sie keine Hebamme, weil diese ausgelastet sind. Sie haben genug Arbeit. Dann geht sie ohne Hebamme nach Hause. Das ist ein Risiko, denn die Hebamme macht ganz viele wichtige Sachen, gerade in diesen ersten vier Tagen.
Zwei der wichtigsten Präventionsleistungen sind die Überwachung des Neugeborenen, ob es zu gelb wird oder nicht. Man weiss aus Studien in den USA, wo genau dies passiert ist – keine Hebamme mehr daheim, aber kurzfristig nach Hause geschickte Frauen, denn in gewissen Staaten ist das dort so: diese sind ambulant, haben aber keine Hebamme zu Hause –, dass die Hirnschäden von zu gelben Kindern massiv zunehmen, weil sie niemand überwacht und niemand sagt: «Okay, dieses Kind ist jetzt zu gelb, man sollte es vielleicht wieder in die Kinderklinik bringen.» Das andere ist der berühmte Phenylketonurie-Test (PKU-Test) in der Ferse, mit dem man Stoffwechselerkrankungen sucht. Wenn dieser vergessen geht, werden auch diese wieder zunehmen.
Es geht hier nicht um einen Branchenvergleich – es ist übrigens die gleiche Branche, Frau Koller. Es geht nicht darum, Berufsvergleiche zu machen. Der Arzt hat die Notfall-Leistungen in seinem Tarifvertrag geregelt. Es blinkt ... (Die Präsidentin bittet die Rednerin, zum Schluss zu kommen. / La présidente demande à l’oratrice de conclure.) Ich muss zum Schluss kommen. Sie haben das andere schon gehört. Das Gesetz des Kantons schreibt uns eigentlich vor, dass wir die Bereitschaft leisten. (Die Präsidentin bittet die Rednerin erneut, zum Schluss zu kommen. / La présidente demande encore une fois à l’oratrice de conclure.) Wir würden Ihnen gerne beliebt machen, dass Sie uns unterstützen, sowohl in der Motion als auch im Postulat. Merci vielmals.