Präventive Bedeutung psychosozialer Beratung und ihre Rolle im Versorgungssystem
(26.3861)- Tip
- Interpellation
- Status
- Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor
- Parlament
- Schweiz
- Numer
- 26.3861
- Cumenzament
- 18-06-2026
- Funtauna uffiziala
- Profil uffizial
- ID externa
- 20263861
- Patrick HässigGrünliberale Partei
- Sarah WyssSozialdemokratische Partei
- Yvonne BürginDie Mitte
- Departement des Innern
- Nationalrat
- Stellungnahme zum Vorstoss liegt vor
- Eingereicht
- Titel des GeschäftesPräventive Bedeutung psychosozialer Beratung und ihre Rolle im Versorgungssystem
- Antwort BR / Büro
1. und 2. Der Bundesrat anerkennt die Bedeutung niederschwelliger, qualitätsgesicherter psychosozialer Beratungsangebote für die Förderung der psychischen Gesundheit sowie zur Prävention psychischer Belastungen.
Psychosoziale Beratung kann insbesondere in Übergangs-, Krisen- und Belastungssituationen eine wichtige stabilisierende Rolle für die betroffene Person spielen und das private und berufliche Umfeld entlasten. Sie hilft, Herausforderungen einzuordnen, Bewältigungsstrategien zu stärken, soziale Ressourcen zu aktivieren und Betroffene sowie ihre Angehörigen bei Bedarf an geeignete Stellen weiterzuvermitteln. Solche Angebote sind besonders wichtig für Personen in belastenden psychosozialen Situationen, die noch keine klinische Behandlung benötigen oder diese aus Scham, Unsicherheit, fehlender Orientierung oder aufgrund von Wartezeiten nicht in Anspruch nehmen.
Das Vorliegen eines eidgenössischen Diploms in psychosozialer Beratung gewährleistet die Qualität des Angebots und die Sicherheit der Patientinnen und Patienten. Andere Fachpersonen, z.B. aus der sozialen Arbeit oder Psychologie, verfügen ebenfalls über umfangreiche Beratungskompetenzen in der psychosozialen Fall- und Problembearbeitung.
3. Der Bundesrat erachtet psychosoziale Beratung als ergänzenden Bestandteil eines breit abgestützten Versorgungssystems. Sie kann eine Brücke zwischen Gesundheitsförderung, Prävention, sozialer Unterstützung und medizinisch-psychotherapeutischer Behandlung bilden. Die psychosoziale Beratung ersetzt jedoch keine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung, wenn eine psychische Erkrankung mit entsprechendem Behandlungsbedarf vorliegt. Eine klare Abgrenzung der Rollen, eine sorgfältige Triage und definierte Überweisungswege sowie der interprofessionelle Austausch sind deshalb zentral.
Eine stärkere Berücksichtigung psychosozialer Beratung in der Versorgung kann sinnvoll sein, sofern die Voraussetzungen hinsichtlich der fachlichen Qualifikation der Fachpersonen erfüllt und anerkannte Qualitätsstandards eingehalten werden sowie eine gute Vernetzung mit den bestehenden Versorgungsstrukturen vorhanden ist.
Im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention braucht es vor allem Angebote, die insbesondere Personen in einer vulnerablen Situation ansprechen. Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt zum Beispiel verschiedene niederschwellige Angebote zur Förderung der psychischen Gesundheit, darunter die Kampagnen «Wie geht’s dir?» und «SantéPsy.ch».
Die Krankenversicherer können im Bereich der Zusatzversicherungen ihren Leistungskatalog grundsätzlich frei ausgestalten. Voraussetzung ist, dass die versicherten Leistungen klar ausgewiesen sind und nicht bereits über die Tarife nach dem Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG; SR 832.10) vergütet werden.
4. Nationale und internationale Erkenntnisse zeigen, dass frühe und gut vernetzte Unterstützungsangebote einen Beitrag zur psychischen Gesundheit leisten können. Besonders gut belegt sind Ansätze, die in Schulen, am Arbeitsplatz, in der Grundversorgung oder in abgestuften Versorgungsmodellen eingesetzt werden. Studien zu psychosozialen Interventionen zeigen positive Effekte auf Symptome, wie die Funktionsfähigkeit (Ho FY, Yeung WF, Ng TH, Chan CS. The Efficacy and Cost-Effectiveness of Stepped Care Prevention and Treatment for Depressive and/or Anxiety Disorders: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sci Rep. 2016 Jul 5;6:29281, doi: 10.1038/srep29281). Die Effekte sind jedoch je nach Zielgruppe, Methode und Setting unterschiedlich stark. Diese Erkenntnisse bestätigen die Relevanz der verschiedenen Massnahmen, die in den Antworten auf die Fragen 1 bis 3 dargelegt wurden.
- Eingereichter Text
Der Bundesrat wird gebeten, folgende Fragen zu beantworten:
1. Wie beurteilt der Bundesrat die präventive Bedeutung psychosozialer Beratungsangebote für die psychische Gesundheit, insbesondere hinsichtlich Frühintervention, Stabilisierung und der Vermeidung einer Chronifizierung?
2. Wie schätzt der Bundesrat den Beitrag psychosozialer Beratung, insbesondere durch Fachpersonen mit eidgenössischem Diplom, zur Unterstützung von Menschen mit psychosozialen Belastungen ein, bevor eine klinische Behandlung erforderlich wird?
3. Welche Rolle misst der Bundesrat der psychosozialen Beratung als ergänzendem Angebot zwischen Gesundheitsförderung, Prävention und klinischer Behandlung bei? Unter welchen Voraussetzungen erachtet er eine stärkere Berücksichtigung qualitätsgesicherter psychosozialer Beratungsleistungen in präventionsorientierten Versorgungsmodellen sowie im Bereich der Zusatzversicherungen als sinnvoll oder prüfenswert?
4. Welche nationalen oder internationalen Erkenntnisse sind dem Bundesrat zur Wirksamkeit psychosozialer Beratungsangebote hinsichtlich der Prävention psychischer Erkrankungen, der Vermeidung längerer Arbeitsunfähigkeiten und der Entlastung des Gesundheitswesens bekannt? Welche Schlussfolgerungen zieht er daraus?
- Begründung
Psychische Belastungen nehmen in der Bevölkerung zu, während die Versorgungsstrukturen im Bereich der psychischen Gesundheit zunehmend unter Druck geraten. Umso wichtiger werden niederschwellige und präventive Angebote, die Menschen in belastenden Lebenssituationen frühzeitig unterstützen und einer Chronifizierung entgegenwirken können.
Psychosoziale Beratung richtet sich an Personen in Belastungs-, Krisen- oder Übergangssituationen, bevor eine klinische Behandlung notwendig wird. Qualitätsgesicherte Angebote werden unter anderem von Beraterinnen und Beratern im psychosozialen Bereich mit eidgenössischem Diplom erbracht. Damit können psychosoziale Beratungsangebote dazu beitragen, Belastungen frühzeitig aufzufangen, die individuelle Bewältigungskompetenz zu stärken und den Bedarf an späteren, intensiveren Behandlungen zu reduzieren.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Rolle psychosoziale Beratung als ergänzendes Angebot zwischen Gesundheitsförderung, Prävention und klinischer Behandlung einnehmen kann und wie ihr Beitrag zur psychischen Gesundheit sowie zur Entlastung bestehender Versorgungsstrukturen einzuschätzen ist.
Datas: OpenParlData · CC BY 4.0