Denise Neuweiler · SVP
Gran Consiglio (TG)1 apr 2026
Ich danke für die spannenden Voten und die interessanten Vorschläge, wie denjenigen der GLP-Fraktion oder die umfassende Evaluation, wie sie von der FDP-Fraktion gewünscht wird. Und ja, lieber Kantonsrat Lukas Madörin: Verliebt zu sein, lässt einen viele Hürden überwinden – selbst kein Graben ist dafür zu breit. Die Forderung, den Französischunterricht von der Primarschule auf die Sekundarschule zu verschieben, klingt zunächst nach einer einfachen Lösung. Wir haben dies bereits gehört von Kantonsrätin Judith Ricklin. Doch einfache Lösungen sind nicht immer gute Lösungen, und in diesem Fall wären sie bildungspolitisch zu kurzsichtig. Ja, es gibt Herausforderungen im Französischunterricht. Ja, Lehrpersonen berichten von Belastungen. Und ja, wir müssen die Defizite eines Teils unserer Schülerinnen und Schüler in den Grundkompetenzen ernst nehmen. Aber die Konsequenz daraus kann nicht sein, dass wir eine Landessprache aus der Primarschule verdrängen. Die richtige Konsequenz ist, den Unterricht zu verbessern, nicht ihn zurückzubauen. In diese Betrachtung fällt auch eine Überprüfung der Umsetzung des Lehrplans 21. Jetzt einfach vorschnell einzelne Bausteine herauszunehmen, löst das Problem der Belastung eines Teils unserer Schülerinnen und Schüler nicht. Zudem können Kinder, welche mit der zweiten Fremdsprache überfordert sind, bereits heute einfach vom Französischunterricht dispensiert werden. Gemäss Kantonsrat Daniel Vetterli sind die 2018 eingeführten Massnahmen, wie der Halbklassenunterricht, Dispensation oder Verzicht auf die Sprachkompetenzen beim Übertritt in die Sek I, „kolossal gescheitert“. Diese Aussage unterstütze ich nicht, denn solche Massnahmen brauchen Zeit, bis ihre Wirkung sich auch entfaltet. Französisch ist nicht irgendeine Fremdsprache – Französisch ist eine Landessprache. Wer sie aus der Primarschule verschiebt, sendet ein klares Signal, dass die Mehrsprachigkeit unseres Landes offenbar weniger wichtig geworden ist. Genau das wäre ein falsches Signal. Die Schweiz ist eine Willensnation, unser Zusammenhalt basiert nicht nur auf gemeinsamen Institutionen, sondern auch auf dem gegenseitigen Verständnis zwischen unseren Sprachregionen. Dieses Verständnis entsteht nicht von selbst – es wächst durch Begegnungen, durch Austausch und eben durch Sprache. Wenn Kinder bereits in der Primarschule mit einer anderen Landessprache in Kontakt kommen, dann ist das mehr als Unterricht. Es ist auch ein Beitrag zum inneren Zusammenhalt unseres Landes. Es ist eine Identifikation mit unseren Traditionen, Geschichten und Denkweisen. Auch die Erziehungsdirektorenkonferenz hält an einer koordinierten Sprachpolitik fest. Sie anerkennt, dass es Verbesserungsbedarf gibt, aber sie setzt auf Weiterentwicklung und Koordination. Eine einfache Verschiebung des Unterrichtsbeginns ist keine nachhaltige Lösung. Vorschnelle Reaktionen der Kantone geben dem Bund eine Plattform zum übergeordneten Eingreifen. Würde er dies tun, hätte man gar nichts erreicht, und dieses Thema haben wir heute in den Voten eigentlich kaum gehört. Aber es ist etwas Wichtiges, dessen wir uns bewusst sein müssen. Bei einer Nichterheblicherklärung der Motion wird der EDK und somit den Kantonen die Möglichkeit eröffnet, sich untereinander zu einigen und den Harmonisierungsauftrag zu erfüllen. Damit würde die Diskussion auch dort geführt, wo sie hingehört. Eine Verschiebung löst das Problem nicht, sie verschiebt es lediglich. Wenn Französisch erst auf der Sekundarstufe beginnt, verdichten wir den Stoff genau in jener Phase, in der Jugendliche ohnehin stark gefordert sind – Berufsorientierung, Lehrstellensuche, Übergänge in weiterführende Schulen. Der Regierungsrat teilt die Ansicht nicht, dass lediglich eine oder zwei Lektionen mehr Französisch auf der Sekundarstufe zu denselben Lernergebnissen führen würden wie heute. Der schulische Druck nimmt in dieser Phase eher zu als ab. Wer glaubt, man entlaste die Schülerinnen und Schüler, indem man Französisch einfach später beginnen lässt, verkennt die Realität des Schulalltags auf der Oberstufe. Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Frühes Sprachenlernen schafft Zeit – Zeit zum Üben, Zeit zum Wiederholen und Zeit zum Verstehen. Gerade Schülerinnen und Schüler, die beim Sprachenlernen etwas mehr Zeit benötigen, profitieren davon. Wenn wir eine Sprache erst später einführen, erhöhen wir automatisch den Lern- und Leistungsdruck. Und wir müssen uns auch fragen: Wollen wir unseren starken Schülerinnen und Schülern im Wege stehen, indem wir mit einer Verschiebung des Französischunterrichts auf die Oberstufe in Kauf nehmen, dass dort andere, ebenso wichtige Fächer abgebaut werden müssten? Eine solche Verschiebung würde zudem die Chancengerechtigkeit schwächen. Schwächere Schülerinnen und Schüler wären durch die bereits heute volle Stundentafel zusätzlich benachteiligt. Gleichzeitig darf es nicht sein, dass starke Schülerinnen und Schüler auf eine frühe, gute und vielfältige Bildung verzichten müssen. Um eine Überforderung zu vermeiden, müsste man möglicherweise gerade jene Fächer reduzieren, die für unsere Wirtschaft zentral sind, nämlich die MINT-Fächer. Das widerspräche klar den wirtschaftspolitischen Bildungszielen. Die Diskussion über Überforderung darf deshalb nicht verkürzt geführt werden. Wie im Positionspapier von Fachdidaktikerinnen und Fachdidaktikern vom März 2025 festgehalten, ist die entscheidende Frage nicht, ob Französisch auf der Primarstufe stattfinden soll, sondern wie der Unterricht gestaltet wird. Ja, es gibt durchaus Verbesserungspotenzial. Gleichzeitig gibt es viele Lehrpersonen, die mit grossem Engagement und Freude unterrichten – und genau das überträgt sich auch auf die Schülerinnen und Schüler. Ein stärker kommunikationsorientierter Unterricht, realistische Lernziele, eine gute Abstimmung zwischen Primar- und Sekundarstufe sowie eine gezielte Unterstützung der Lehrpersonen können viel bewirken. Wie Sie der Beantwortung der Motion entnehmen konnten, hat das Amt für Volksschule in den letzten Jahren verschiedene Massnahmen zur Förderung und Stärkung des Französischunterrichts auf der Primarstufe eingeleitet. Diese Massnahmen sind noch in Umsetzung und müssen sich zuerst bewähren. Es wäre deshalb nicht sinnvoll, die Volksschule erneut rasch umzustellen, bevor diese Massnahmen ihre Wirkung entfalten konnten. Statt eine Landessprache aus der Primarstufe zu entfernen, müssen wir uns darauf konzentrieren, den Unterricht so zu gestalten, dass er motivierend, verständlich und lernwirksam ist. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Wir wissen heute nicht, welchen Weg unsere Kinder morgen einschlagen werden. Ein Kind, das heute glaubt, Französisch nie zu brauchen, arbeitet morgen vielleicht in einem Betrieb mit Kunden aus der Romandie oder in der Bundesverwaltung, studiert an einer Hochschule, steigt in die Politik ein oder übernimmt eine Aufgabe in einem national oder international tätigen Unternehmen. Unsere Aufgabe ist es, den Kindern möglichst viele Türen offen zu halten, nicht Türen frühzeitig zu schliessen. Vertrauen wir in unsere Thurgauer Volksschulen. Bildung ist die wichtigste Ressource unseres Landes – vergessen wir das nicht. Es ist ein Privileg, dass unsere Bildung vielfältig gestaltet und für alle zugänglich ist. Schätzen wir diesen Wert und das, was unsere Schweiz ausmacht – unsere Willensnation, die ihre Vielfalt auch durch Mehrsprachigkeit lebt und stärkt. Geschätzte Kantonsrätinnen und Kantonsräte, – Hand aufs Herz – allzu oft projizieren wir unsere eigenen negativen Erfahrungen auf die Kinder von heute. Damit stärken wir sie nicht. Gehen wir mit einer positiven Haltung voraus, motivieren und unterstützen wir unsere Kinder, und seien wir stolz, wenn sie unsere eigenen Leistungen eines Tages übertreffen. Die Schweiz lebt von ihrer Vielfalt. Diese Vielfalt ist keine Belastung. Sie ist eine Stärke, und diese Stärke beginnt nicht erst in der Sekundarschule – sie beginnt in der Primarschule. Der Regierungsrat bittet Sie deshalb, die Motion für nicht erheblich zu erklären. Besten Dank.