Karin Fisli · PS
Während des Schuljahrs ist es mein Job, die Schülerinnen und Schüler zu fördern, herauszufordern, zu unterrichten und ihnen die nötigen Kompetenzen weiterzugeben. Jetzt kommt uns aber das ganze Prozedere von diesem Übertritt in die Quere. Als Lehrperson muss ich nämlich plötzlich selektionieren, eine Tatsache, die völlig dem Lehrplan widerspricht. Für den Übertritt brauche ich «Beweismittel», damit ich auch sagen kann, wo das Kind hingehört. Das heisst, ich brauche also viele Tests, damit ich ganz viele Noten habe, weil anders glaubt man es mir nicht, obwohl ich Fachperson bin.
Und ganz ehrlich, es ist im Fall nicht so, dass ein Kind besser wird, nur weil es mehr Prüfungen machen muss, im Gegenteil. Das Gras wächst im Fall nicht schneller, nur weil man daran zieht. – Das sollten eigentlich alle Landwirte wissen. – Im Gegenteil: Viel Energie von allen Beteiligten verpufft, und diese Zeit und Energie würde man viel gescheiter investieren in echtes Lernen, in echtes Fördern und in echtes Fordern, anstatt Wissen anzueignen, das man nachher wieder herauskötzelt.
Auch der Zeitpunkt der Selektion ist überhaupt nicht ideal. Meine Schülerinnen und Schüler sind zwischen 11-jährig und 13-jährig, heisst: am Anfang der Pubertät. Ich glaube, ich muss Ihnen nicht erklären, was die Pubertät bedeutet. In meinem Schulzimmer erlebe ich das tagtäglich. Die Hormone spielen verrückt. Zu lernen und sich auf die Schule zu konzentrieren, ist eine grosse Herausforderung. Und genau dann, genau zu diesem Zeitpunkt, sollten sich unsere Schülerinnen und Schüler auf die Schule konzentrieren und auch noch wissen, wo es hingeht und in welche Stufe es in der Sek I geht. Aus meiner Sicht ein völliger Blödsinn.
Es ist höchste Zeit, Massnahmen zu prüfen, die eine selektionsfreie Volksschule ermöglichen, eine entsprechende Initiative läuft. Schneiden wir endlich alte Zöpfe ab und folgen Erkenntnissen, die schon lange gemacht wurden. Die Schweiz ist eines jener Länder, welche die Selektion wahnsinnig früh machen. Uns geht damit ein wirtschaftliches Potenzial von bis zu 29 Mrd. Franken flöten. Können wir uns das wirklich leisten?
Die SP-JUSO-Fraktion ist sich einig, dass eine spätere Selektion auf jeden Fall geprüft werden muss. Wir verlangen eine punktweise Abstimmung und stimmen Punkt 1 mit Abschreibung und Punkt 2 ohne Abschreibung zu.
Und jetzt muss ich noch schnell etwas zu meinem Kollegen Reto Zbinden sagen. Die Aussage, dass stärkere Kinder nicht gefördert werden, wird im Fall nicht wahrer, je mehr man es hier am Rednerpult sagt. Im Gegenteil: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass alle Kinder, sowohl schwache wie starke, von einem durchmischten System profitieren. Es wird nicht wahrer, wenn man es hier wiederholt.