Christoph Grupp · Les VERT-E-S
Letzten Dezember, als wir hier in der Session sassen, sass ich ziemlich auf Nadeln, liebe Kolleginnen und Kollegen. Innerhalb von 24 Stunden stieg damals die Aare in Nidau um einen Meter, insgesamt schlussendlich in wenigen Tagen um 1,60 Meter. Das war letzten Dezember. Stündlich habe ich die App und die Gefahrenkarte des Kantons Bern studiert. Es war das Letzte, was ich am Abend vor dem Einschlafen gemacht habe, und es war das Erste, was ich am Morgen beim Aufwachen gemacht habe. Zwischendurch habe ich es auch in der Nacht gemacht, wenn ich aufwachte, damit ich notfalls mein Schiff entweder hätte umbinden können oder sogar hätte probieren können, es sonst irgendwie aus dem Hochwasser zu retten.
Die Erinnerungen an das Hochwasserjahr 2021 kamen damals wieder hoch, nicht nur bei mir, sondern bei vielen anderen auch. Die Hochwasser häufen sich. Die Hochwassermarke von 429,8 Metern im Bielersee wurde seit 1973, also seit dem Abschluss der zweiten Juragewässerkorrektion, bisher fünfmal geknackt. 2005, 2007, 2015, 2021 und 2023. 2021 war mit 430,94 Metern der höchste Stand seit der zweiten Juragewässerkorrektion. Ein neuer Rekord.
Jedes dieser fünf, die ich jetzt aufgezählt habe, war nach Definition ein fünfzig- bis hundertjähriges Hochwasser. Soll man diese Häufung auf die leichte Schulter nehmen? Hatten wir einfach Glück, dass nichts passiert ist ausser ein wenig Sachschaden, der zwar in die Millionen ging, aber doch ein bisschen Sachschaden war?
Der Rekord von 2021 liegt 1,70 Meter über dem Normalwasserstand. Das ist meine Körpergrösse. Gut, ich bin nicht so gross, das ist mir schon klar. Aber die Wasserzunahme von 1,70 Metern für den ganzen Bielersee, mit dem Rückstau, der auch die Pegelstände des Neuenburgersees und des Murtensees gehoben hat, ist eine fast unvorstellbar grosse Wassermenge von – ich versuchte, es ungefähr auszurechnen – rund 300 Mio. m3 Wasser. Dieses kam innerhalb weniger Tage und hat die Seen gefüllt. 300 Mio. m3 Wasser entsprechen gut und gerne dreimal dem Inhalt des Grimselsees, damit sich dies auch die Oberländerinnen und Oberländer vorstellen können.
2021 und 2023 sind diese Zunahmen jeweils in einem bis drei Tagen erfolgt. Was bedeuten 1,70 Meter Wasserstandzunahme in der Realität? Ich ziehe einen Vergleich, der vielleicht ein bisschen weiter weg liegt. Sie kennen das alle: In den Meeren gibt es einen Gezeitenunterschied, den Tidenhub. Im Mittelmeer hat man eine tägliche Schwankung von ungefähr 10 Zentimetern. An einzelnen Stellen in Venedig beträgt sie 1,20 Meter. Aber das ist die Ausnahme. In der Ostsee kennt man Tagesschwankungen von rund 0,3 Metern. Wenn Sie schon in diesen Meeresgebieten gewesen sind, dann wissen Sie, dass es zum Teil massive Verbauungen gegen diese Wasserschwankungen gibt. Natürlich haben sie auch Hochwasser, sie haben Springfluten. Das ist bei uns nicht ganz so dramatisch, aber schauen wir uns doch einmal um: Wie ist denn bei uns der zum Beispiel physische Hochwasserschutz? Ich glaube, wir stecken diesbezüglich noch in den Kinderschuhen und wir müssen dringend etwas ändern.
Ich stelle noch einmal die Frage: Haben wir bis jetzt einfach Glück gehabt und hoffen wir, dass es auch das nächste Mal so gut herauskommt?
Ich bin überzeugt: Es sind neue Perspektiven, neue Ansätze nötig. Der Kanton Bern als Hauptbetroffener in dieser Hochwassersache im Bereich der Juragewässer-Kantone, resp. der Juragewässerkorrektions-Kantone, muss aktiv werden. Er kann nicht auf den Bund und die anderen Kantone warten. Wir müssen hier eine Vorreiterrolle einnehmen.
Die Schäden nehmen zu. Wir hatten bis jetzt zum Glück nur Sachschäden. Aber auch diese werden von den Versicherern, unter anderem auch von unserer Gebäudeversicherung Bern (GVB), immer weniger gedeckt, vor allem wenn sie in den privaten Teil übergehen. Wir haben zum Glück eine gute Prävention. Aber wird das immer so bleiben? Letzte Woche sind in Süddeutschland fünf Menschen in den Fluten gestorben. Die Verhältnisse dort sind vergleichbar mit unseren. Es ist eine Frage der Zeit, bis auch bei uns Schäden an Leib und Leben auftreten.
Unsere Verwaltung macht einen guten Job, einen nahezu genialen. Wir haben im Kanton zwei – ich sage jeweils – fast Heilige, nämlich Bernhard und Bernhard, also Bernhard Schudel und Bernhard Wehren. Sie sind für die Gewässerregulation zuständig und sie machen das super. Sie berechnen präventiv die Pegelstände und schauen, was es braucht. Ich glaube, das ist auch ein wichtiger Beitrag dazu, dass wir bis jetzt keine grösseren Schäden hatten. Ihnen an dieser Stelle ein herzliches Lob und herzlichen Dank.
Aber jetzt, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist die Politik gefragt, wir Grossrätinnen und Grossräte, aber auch die Regierung. Welche Vorkehrungen baulicher Art sieht die Regierung vor? Ist denn die Abflussmenge von 850 m3 in Murgenthal sakrosankt, der Weisheit letzter Schluss? Ist das Einzugsgebiet der Juragewässerkorrektion noch der richtige Prüfperimeter? Oder müssten wir nicht endlich über den Teichrand, über den Tellerrand hinausschauen, den Rhein hinunter oder sogar über die Landesgrenze hinaus? Was unternimmt unsere Regierung in dieser Hinsicht?
Solange solche Fragen unbeantwortet bleiben, kann man eine solche Motion, wie die vorliegende, nicht abschreiben. Vielleicht, ich sage es noch einmal, haben wir das nächste Mal weniger Glück. Leider sind die Ziffern 1 und 2 zurückgezogen. Wir Grünen hätten auch diese als Motion unterstützt. Die Motionärin ist mit der Abschreibung der Punkte 4 und 5 zufrieden. Auch hier finden wir Grüne, das gehe eigentlich nicht, aber wir werden selbstverständlich in diese Richtung mitstimmen. Wir unterstützen aber sicher die Aufrechterhaltung von Ziff. 3 der Motion. Bitte machen Sie mit, helfen Sie mit, dass diese nicht abgeschrieben wird. Danke vielmals.