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Judith Ricklin · SVP

deKantonsrat
Grand Council (TG)1 avr. 2026
Die Motion verspricht eine einfache Lösung, während hingegen die Fakten sehr klar zeigen, dass ein späterer Beginn weder die Leistungen verbessert noch die strukturellen Probleme löst. Deshalb bitte ich Sie, der Einschätzung des Regierungsrats zu folgen und die Motion nicht erheblich zu erklären. Lassen Sie mich auf drei Punkte fokussieren: erstens, die empirische Erfahrung aus anderen Kantonen, zweitens, die pädagogischen und organisatorischen Folgen einer Verschiebung und drittens, die Alternative, die der Regierungsrat aufzeigt. Erstens, zur Erfahrung aus anderen Kantonen: Die Motion baut stark auf der Idee auf, dass ältere Schülerinnen und Schüler im schulischen Kontext schneller lernen und der spätere Beginn deshalb effizienter sei. Das klingt auf den ersten Blick plausibel. Entscheidend ist aber, was wir dort sehen, wo genau dieses Modell bereits umgesetzt wird. In den Kantonen Uri und Appenzell Innerrhoden beginnt Französisch erst auf der Sekundarstufe. Wenn die Logik der Motion stimmt, müssten diese Kantone bei den Resultaten klar besser sein, in Französisch und – so wird behauptet – auch in Deutsch. Die ÜGK-Erhebung 2023, also die nationale Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen in den Sprachen am Ende der obligatorischen Schulzeit in der Schweiz, zeigt aber ein anderes Bild. Thurgau und Uri liegen beim Hörverstehen und Lesen in Französisch vergleichbar, Appenzell Innerrhoden deutlich tiefer, und auch in Deutsch, Lesen und Orthografie schneiden Uri und Thurgau ähnlich ab, Appenzell Innerrhoden sogar schlechter. Mit anderen Worten, das Modell Französisch erst ab Sek I bringt keinen nachweisbaren Leistungsvorteil, weder in Französisch noch in Deutsch, teils ist das Gegenteil der Fall. Genau hier liegt der Kern. Die Motion stellt die Hoffnung in den Raum, ältere Lernende würden das fehlende Fundament einfach aufholen und am Ende besser dastehen. Die Daten sagen, sie holen nicht sichtbar besser auf. Wenn das vorgeschlagene Modell tatsächlich so überlegen wäre, müssten wir diesen Vorsprung in den Leistungsdaten sehen, man sieht ihn aber nicht. Ein so tiefgreifender Umbau unseres Systems lässt sich bildungspolitisch schwer rechtfertigen, wenn die vorhandene Evidenz gerade keinen Mehrwert zeigt. Damit zum zweiten Punkt, den pädagogischen und organisatorischen Folgen: Die Motion argumentiert mit einer überfrachteten Primarstufe mit unbefriedigenden Resultaten und mit der Belastung der Mittelstufe. Das muss ernstgenommen werden. Aber es ist ein grundlegender Unterschied, ob man sagt, wir müssen den Französischunterricht auf der Primarstufe verbessern oder ob man sagt, wir streichen ihn dort ganz und verschieben alles nach oben. Die Überfrachtung der Primarstufe ist kein spezifisches Französisch-Problem, sondern eine Frage der Gesamtarchitektur des Lehrplans. Der Regierungsrat hat darauf bereits reagiert, mit erleichterter Dispensation, mit finanziertem Halbklassenunterricht, mit einer angepassten Übertrittsregelung und mit dem neuen Lehrmittel „dis donc!“, das stärker kommunikativ ausgerichtet ist. Zusätzlich läuft mit „Vive le français“ ein gezieltes Programm, das Unterrichtsqualität, Sprechkompetenz und Motivation stärkt. Pädagogisch zentral ist zudem die Lernzeit. Spracherwerb ist ein Langstreckenlauf, kein Sprint. Der Thurgau liegt mit rund 13 Wochenlektionen Französisch über die gesamte obligatorische Schulzeit bereits unter der Empfehlung des Lehrplans 21 von 14 Lektionen. Wenn wir den Start von der Primar- auf die Sekundarstufe verschieben, verlieren wir wertvolle Lernzeit in den Jahren, in denen Sprachen vergleichsweise selbstverständlich und spielerisch gelernt werden. Um das zu kompensieren, bräuchte es auf der Sek I drei bis vier zusätzliche Französischlektionen. Diese Lektionen fallen nicht vom Himmel. Entweder erhöhen wir die Gesamtlektionenzahl mit Mehrbelastung für Jugendliche und Lehrpersonen, oder wir kürzen bei MINT, den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, und bei musisch-gestalterischen Fächern. Beides ist aus meiner Sicht nicht verantwortbar. Zusätzliche Lektionen würden Mehrkosten von bis zu mehreren Millionen Franken pro Jahr verursachen. Dazu kommen Aufwände für neue Lehrmittel, Lehrplananpassungen und Weiterbildung. Kürzungen bei MINT und musischen Fächern würden einem breit abgestützten politischen Auftrag zur Stärkung dieser Bereiche direkt widersprechen. Hinzu kommen personelle Effekte: Primarlehrpersonen und Studentinnen und Studenten mit Französischqualifikation würden Einsatzmöglichkeiten verlieren, während auf der Sekundarstufe der Bedarf an Lehrpersonen mit Masterabschluss in Französisch stark anstiege. In einem angespannten Arbeitsmarkt wächst damit das Risiko, dass fachfremd unterrichtet wird, und genau das ist Gift für die Qualität und für die Motivation der Lernenden. Wir würden also vorhandene Ressourcen und Kompetenzen auf der Primarstufe schwächen und gleichzeitig auf der Sekundarstufe Engpässe erzeugen. Ein weiterer Aspekt, der in der Motion zu wenig vorkommt, ist die Bedeutung von frühen Sprachbegegnungen und Austausch. Primarschülerinnen und -schüler haben weniger Hemmungen, sie probieren eine neue Sprache spielerischer aus. Programme wie „Culture mobile“ nutzen genau dies: Eine Gastlehrperson aus der Romandie bringt lebendiges Französisch in mehrere Primarklassen. Im Gegenzug unterrichten Thurgauer Lehrpersonen einen Tag in der Westschweiz auf Deutsch. Daraus entstehen oft längerfristige Austauschprojekte zwischen Klassen, die die Sinnhaftigkeit des Sprachenlernens ganz konkret erfahrbar machen. Wenn der Thurgau erst auf Sek I mit Französisch beginnt, wird der Aufbau solcher Partnerschaften deutlich schwieriger. In der Romandie beginnt Deutsch bereits ab der 3. Primarklasse. Die Sprachniveaus würden noch stärker auseinanderlaufen. Wir schwächen damit genau jene Erlebnisse, die eine positive Haltung gegenüber der zweiten Landessprache und der Mehrsprachigkeit unseres Landes fördern. Drittens, zur Alternative des Regierungsrats und dazu, was wir aus der Lernforschung wissen: Ich möchte diesen Teil mit einer persönlichen Note verbinden. Ich bin seit über 30 Jahren in der Bildung tätig, als Kindergärtnerin, als Primarlehrerin und heute als Schulleiterin. Daneben habe ich Bildungswissenschaften und Schulentwicklung studiert. In all diesen Rollen habe ich eines immer wieder erlebt und später in der Forschung von John Hattie – schwarz auf weiss – wiedergefunden: Entscheidend für den Lernfortschritt ist nicht in erster Linie das Einstiegsalter in ein Fach, sondern die Qualität des Unterrichts und damit die Lehrperson. Hattie hat in „Visible Learning“ Hunderttausende von Schülerinnen und Schülern und weit über tausend Studien ausgewertet. Er zeigt: Besonders wirksam für den Lernerfolg sind Faktoren wie die Qualität der Lehrer-Schülerbeziehung, klare Unterrichtsführung und wirksames Feedback, alle mit hohen Effektstärken deutlich über der Schwelle, die Hattie als „Zone der gewünschten Effekte“ bezeichnet. Anders gesagt, Kinder lernen dann am besten, wenn sie Lehrpersonen haben, die sie ernst nehmen, die fachlich sicher sind, die klare Ziele setzen, den Lernprozess sichtbar machen und ihnen Rückmeldungen geben, die wirklich weiterhelfen. Diese Erkenntnis deckt sich nicht nur mit der Forschung, sondern auch mit meiner ganz konkreten Alltagserfahrung. Ich habe in den letzten Jahren viele Kinder der Primarstufe gefragt: „Wenn ihr entscheiden könntet, würdet ihr Französisch in der Primarschule abschaffen?“ Kein einziges dieser Kinder hat diese Frage mit Ja beantwortet, im Gegenteil, sie haben mir mit ihren eigenen Worten Argumente genannt, die wir aus der Fachdebatte kennen, aber ganz unbefangen formuliert: dass es gut sei, schon früh eine andere Sprache zu hören und zu sprechen, dass man später in der Sek nicht bei null anfangen müsse, dass es spannend sei, mit Menschen aus der Romandie reden zu können und dass Französisch auch zur Schweiz gehöre. Das ist keine wissenschaftliche Studie, aber es zeigt, dass Kinder sehr wohl spüren, wie wertvoll frühe Sprachkontakte sind, wenn der Unterricht gut gemacht ist. Ich bin überzeugt, diese Erfahrung haben viele von uns auch als Erwachsene gemacht. Wir erinnern uns weniger daran, in welchem Schuljahr wir ein Fach begonnen haben, sondern an die Lehrperson, bei der der Funke gesprungen ist, dort, wo jemand selbst begeistert war, fachlich kompetent und didaktisch klar. Dort haben wir am meisten gelernt. Genau das bestätigt die Forschung. Auf die Lehrperson kommt es in hohem Mass an, auf ihre Haltung, ihre Beziehung zu den Kindern, ihre Klarheit und ihr Feedback. Wenn wir das ernst nehmen, dann ist die zentrale bildungspolitische Konsequenz nicht, französisch nach oben zu verschieben, sondern unsere Lehrerinnen- und Lehrerbildung zu stärken und das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie Kinder lernen. Wir müssen sicherstellen, dass Primar- wie Sekundarlehrpersonen für Französisch fachlich sehr gut ausgebildet sind, dass sie wissen, wie man Sprachen kommunikativ, handlungsorientiert und mit Freude unterrichtet und dass sie die notwendigen diagnostischen und didaktischen Kompetenzen mitbringen. Wir sollten unsere Energie in bessere Ausbildung, gezielte Weiterbildung und in Programme wie „Vive le français“ investieren, in Unterrichtsqualität, nicht in Verschiebemechanik. Die Forschung sagt uns klar: Lernzeit, Beziehung, Klarheit, Feedback und professionelle Lehrpersonen sind die starken Hebel für Lernerfolg, nicht das Herauslösen eines Fachs aus der Primarstufe. Deshalb plädiere ich auch aus meiner persönlichen, langjährigen Erfahrung und gestützt auf das, was mir Kinder selbst sagen: Geben wir unseren Kindern nicht weniger Französisch, sondern besseres Französisch, nicht später statt früher, sondern qualitativ stärker statt strukturell schwächer. Damit komme ich zum Schluss. Französisch ist weit mehr als irgendein Fach im Stundenplan. Es ist die am zweithäufigsten gesprochene Landessprache und eine zentrale Brücke zur Romandie, ein identitätsstiftender Bestandteil unserer Willensnation. Ich teile die Sorgen um die Belastung der Primarstufe und um die Qualität des Französischunterrichts, aber ich teile nicht die Lösung, die diese Motion vorschlägt. Der spätere Beginn auf Sek I bringt keinen nachweisbaren Leistungsvorteil, weder in Französisch noch in Deutsch. Die strukturellen finanziellen und personellen Nebenwirkungen wären beträchtlich, und die nationale Kohäsion sowie die Gleichheit der Bildungschancen über Kantonsgrenzen hinweg würden geschwächt. Darum sage ich: Nicht Französisch verschieben, sondern Französisch besser machen. „Vive le français!“ Und ich bitte Sie, die Motion nicht erheblich zu erklären. Besten Dank.
Institution
Grand Council

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