Seraina Patzen · GRÜNE
Und nun liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, 24 Wochen – also ein halbes Jahr – Elternzeit einzuführen, aufteilbar auf beide Elternteile. Dies ist im Vergleich immer noch eine moderate Regelung. Teilweise haben Länder wie Deutschland viel weitergehende Elternzeiten. Wir alle wissen dies. Geschätzte Kolleginnen und Kollegen, es wird Sie alle erstaunen, aber in all diesen Ländern gibt es also tatsächlich immer auch noch profitable KMU. Wenn man einigen meiner Vorredner zuhört in diesem Saal, könnte man meinen, eine Elternzeit wäre der Untergang der hiesigen Wirtschaft, und dies, obwohl die Vorteile doch auf der Hand liegen und wissenschaftlich bewiesen sind.
Mir geht es, ehrlich gesagt, ein bisschen gegen den Strich, jetzt nochmals vorzurechnen, wie hoch der volkswirtschaftliche Nutzen einer Elternzeit wäre, wie viele Frauen dank einer Elternzeit zusätzlich im Arbeitsmarkt behalten werden könnten und dass sich diese zugegebenermassen hohe Investition deshalb rechnen würde. Hier geht es doch um etwas anderes. Wir alle wissen, dass die Geburt eines Kindes das Leben aller Eltern und der Menschen im nahen Umfeld auf den Kopf stellt. Für viele Leute gibt es kaum ein intensiveres Erlebnis im Leben. Es braucht Zeit und Ruhe, um eine gesunde Beziehung zu den eigenen Kindern aufbauen zu können. Dies macht alle glücklicher und gesünder, Eltern und Kinder. Auch dies ist bewiesen, aber einfach auch logisch, und diesen Start ins Leben wünsche ich allen Kindern und ihren Eltern. Das ist die eine Seite.
Auf der anderen Seite geht es um Gleichberechtigung. Einerseits finde ich, dass es höchste Zeit ist, dass Vätern endlich die Möglichkeit gegeben wird, nach der Geburt eines Kindes mehr Zeit daheim mit dem Kind zu verbringen, sodass künftige Generationen von Vätern gleichberechtigt in die Kinderbetreuung einbezogen werden können und genügend Zeit haben, die neue Beziehung aufzubauen. Dass dies in 2 Wochen Vaterschaftsurlaub einfach nicht geht, ist klar. Und – das finde ich vielleicht fast das wichtigste Argument: Kindererziehung und -betreuung ist zwar schön, aber auch Arbeit. In der ersten Zeit nach der Geburt – das ist bewiesen, aber auch das finde ich wiederum einfach logisch – verteilt sich die neue Betreuungs- und Hausarbeit zwischen Müttern und Vätern. Je gleichberechtigter beide Elternteile in dieser Zeit zuhause sind, desto gerechter wird die Arbeit verteilt.
Frauen leisten immer noch den Grossteil der Betreuungsarbeit in dieser Gesellschaft, und wir alle profitieren davon. Diese Ungerechtigkeit hat so viele weitere Ungerechtigkeiten zur Folge: weniger Lohn, weniger Rente, weniger Zeit für alles andere im Leben. Dies nehmen wir als Gesellschaft einfach so hin und beklagen uns über die Kosten, die entstehen, wenn daran etwas geändert werden soll. Eine Elternzeit ist genau ein solcher Ansatz, um etwas daran zu ändern und die Arbeit und die Kosten in dieser Gesellschaft, aber eben auch die Zeit für die schönen Seiten des Lebens, gerechter zu verteilen. Die Grünen sagen deshalb ganz klar und vehement Ja zur Einführung einer Elternzeit.
Dann möchte ich noch etwas an die Adresse der GLP sagen: Wir diskutieren sehr gerne über andere familienpolitische Massnahmen, die Sie angekündigt haben, wie z. B. die Ausdehnung einer Kita-Finanzierung. Aber für uns darf es dann nicht einfach darum gehen, den oberen Mittelstand zusätzlich zu entlasten, sondern es braucht höhere Kita-Gutscheine für alle, damit die Kitas eben auch den finanziellen Spielraum bekommen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und nicht die Löhne drücken müssen, damit sich alle Familien eine Kita leisten können. Gleichstellungspolitik ist für uns immer auch Sozialpolitik. Dies einfach noch zum Thema echte Gleichstellungspolitik.